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Otto Muehl – Briefe an Erika 1960 – 1970

Abstrakte Kalligraphie – Schalte beim Malen das Bewusstsein ab


Otto Muehl, Briefe an Erika, 01. Mai 1961, Seite 3
Otto Muehl, Briefe an Erika, 01. Mai 1961, Seite 4

Liebes Schatzi!

Montag, 1. 5. 1961

Mir rinnt der Schweiss von der Stirne, so verrückt malte ich und Du armes Medi sitzt noch immer im Zug, aber ich hoffe, Du hast interessante Begleitung, sodass Dir ein wenig die Zeit vergeht. Bevor ich von der Malerei zu reden beginne, will ich Dir noch einige Schmeicheleien sagen, nämlich dass Du mein liebes Medi bist, an das ich viel denke, das ich furchtbar verehre, zu dem ich aufschaue (weil ich ja nur ein mieser Knabe bin), auf das ich so stolz bin (weil es so g'scheit ist, weil es so schön ist), weil es eben das Medi ist und dieses Medi gibt's halt nur einmal auf der Welt (ist das nicht eine sonderbare, ja wunderbare Sache?). Darum ist das Medi so kostbar für mich. Aber nun Schluss mit dem Sichgehenlassen und zur Malerei, denn was ich für's Medi fühle, wie begeistert ich von ihm bin, das weiss es ja ohnehin.

In der Malerei bin ich nun einen Schritt weitergegangen (sie gibt mir ungeheure Befriedigung, nur dadurch halte ich die Trennung vom Medi aus). Bin nun vollkommen kalligraphisch geworden (wie Mathieu es sagt). Das heisst, ich habe das Bewusstsein ausgeschaltet und bin nun ganz im Bild (Pollock), und auf einmal geht es auf wunderbare Weise.

Habe heute einen grossen Sprung nach vorwärts gemacht. Ich lasse den Pinsel mit Intensität springen und gleiten, ohne an Komposition zu denken. Bin so in Extase und war überrascht zu bemerken, dass ich dabei wie ein Wilder kleine Schreie ausstiess, als würde ich mich beim Tanzen sehr schnell bewegen, das klang wie: hua - hua  - hui - hui. Ich war so in der Malerei drin,  dass ich unbewusst das Richtige tat. Es entstehen Gliederungen, die ich durch Formspekulation nicht erfinden könnte. Derweil breitet sich das Strichgefüge über das ganze Bild aus, ich sehe es kommen, dass ich von hier aus zu einer bewussteren Gestaltung vordringen werde, doch will ich mich zu nichts zwingen, denn wenn man seine Quelle zu früh verlässt, wird  man sozusagen noch nicht reif, sofort von Vorbildern abhängig und seinem Selbst entzogen. Ich will nun tief unten im Schacht bleiben, um mich selbst brodeln zu hören, mein Selbst kennenzulernen und zu spüren.

Auch Dir, Medi, würde ich raten, schalte das Bewusstsein aus und beobachte einmal, was wird, wenn der Pinsel bloss unbewusst über die Fläche tanzt, daraus könntest Du für später sicher einige Erfahrung sammeln. Male jedoch nicht mit dem Aquarellpinsel, die Striche werden zu schwammig, nimm einen dünnen Borstenpinsel. Mache Dir Aquarellfarbe in Dosen ab. Kaufe Dir Gummi Arabicum, man bekommt ihn in jeder Drogerie, löse ihn in Wasser und mache Dir damit Staubfarbe ab. Mache die Farbe so flüssig, wie Aquarellfarbe vermalt wird. Es geht ausgezeichnet damit. Habe heute mit solcher Farbe auf Packpapier, das ich auf den Boden legte, gemalt. Habe viele Aquarelle auf diese Weise gemacht, es sind einige sehr gute darunter, die sonderbarerweise ausgesprochen komponiert aussehen.

Nachdem Du heute  weg warst, ging ich  zur  Tröstung gleich in die Cezanne-Ausstellung. Ich vermisste Dich sehr. Cezanne hat nichts Neues zu bieten. Ich getraue mich zu sagen, Du hast nichts versäumt. Die einzige Anregung, die ich von ihm empfing, wäre die, dass ich auf folgende Weise ein Bild tektonisch wie er bauen könnte. Da ist ein Bild, eine Landschaft, die ungefähr so aussieht.

Man könnte solche Bilder daraus machen, die einer seltsamen Schrift ähnlich sehen.

Otto Muehl – Briefe an Erika 1960 – 1970

Der Strich als Mittel der Malerei


Otto Muehl, Briefe an Erika, 02. Mai 1961, Seite 1

2. Mai 1961

Habe heute vormittag wieder gemalt, und nun kann ich sagen, ich hab`s geschafft.

So ähnlich schaut nun meine Malerei aus. Du musst Dir dies nur mit Farben vorstellen, die sich teils überlagern, vermischen und durchdringen. Der Pinselzug wird dabei von mir nicht kontrolliert, die Hand bewegt sich vollkommen automatistisch:

Das Bewusstsein hat auf die Ausführung des Striches keinen Einfluss, ähnlich wie beim Schreiben, also auf die Ausführung der Buchstaben, wohl aber drückt es sich im Sinn des Satzes aus und auch dort nicht vollkommen.

Ich male also so wie ich schreibe:

Es ist mir klar, das dies der tiefste Ansatzpunkt für die Malerei ist. Aber ich bin froh, diesen Punkt erreicht zu haben, denn von diesem Punkt aus kann ich alle Probleme aufrollen, die ich nur will. Von dort aus kann ich langsam in alles hineinwachsen. Das Mittel (der Buchstabe des Bildes) ist also vollkommen amorph verwendet. Würde ich dem Mittel gleich eine bestimmte Form geben, so würde ich gleich unter fremden Einfluss kommen. So habe ich die Möglichkeit, es allmählich bestimmter zu machen, auf meine Art.

Liebes Medi, ich drücke Dich fest an mein Herz,

Bussi, Dein Otto.

Otto Muehl – Briefe an Erika 1960 – 1970

Von der Malerei zur Plastik – Kampf um das Bild


Otto Muehl, Briefe an Erika, 24. Mrz 1962, Seite 1

Samstag, 24. 3. 62

Liebes Medi!

Es ist schon spät in der Nacht, habe bis jetzt gemalt. Ich kämpfe sehr verbissen. Will mit der Malerei den Anschluss an meine Plastiken gewinnen. Das ist nicht so leicht. Ich arbeite zweigleisig. Auf Papier nur mit schwarzer  Farbe ohne Weiss und auf Molino mit schwarz, weiss und anderen Farben. Ich glaube, dass ich heute mit einer Graphik und einem Bild an meine Plastiken herangekommen bin. Das Durch-das-Bildrutschen habe ich schon aufgegeben. Man könnte es vielleicht bei Beginn des Bildes einsetzen. Beginne die Bilder mit dünner Farbe. Ich arbeite langsam einem Höhepunkt entgegen. Zuerst wird nur gepritschelt, geschwemmt, gepinselt, mit der Hand gewischt. Es entwickelt sich ein Beziehungssystem, tendiert in eine gewisse Richtung, schliesslich kommt es zur Entscheidung, es muss etwas passieren und dann gehe ich los mit vollem Einsatz, ich reisse alles nieder, wie ein Wolf. Es ist dann, als ob ich eine Hacke in der Hand hätte. Ich fahre unters farbige Gesindel und bestimme, diktiere und zeige, wer eigentlich der Herr im Hause ist. Gelingt dieser Eingriff nicht, dann ist alles vorbei. Ich kann das Bild wegwerfen.

Du gehst mir sehr ab. Denke sehr viel an Dich. Wäre schön, wenn Du da wärest. Mir kommt es vor, als hätte ich Dich schon sehr lange nicht gesehen. Das Briefeschreiben nützt halt nichts.

Otto Muehl – Briefe an Erika 1960 – 1970

Kommentare zu Hindemith und Bruckner – Gerümpelskulptur


Otto Muehl, Briefe an Erika, 25. Mrz 1962, Seite 4

Sonntag, 25. 3. 62

Eben habe ich gefrühstückt, und nun beginnt der Tag. Hatte dabei das Radio eingeschaltet und hörte Sonntagspredigten. Sie unterscheiden sich in ihrem Unsinn nicht von den Schlagersendungen. Man kann nur sagen: Reklame für Gott. Man spürt: eine degenerierte Religion, und die Pfarrer bemühen sich, sie unter allen Umständen aktuell zu machen, da wird es immer sehr peinlich. Einer sagte, die Liebe Gottes ist nicht für die Gerechten und Heiligen da, sondern für die Sünder, gäbe es nur Gerechte u. Heilige, wäre seine Liebe nicht notwendig. Und da schon seine Liebe von Anbeginn da ist, ganz egal, ob wir würdig oder unwürdig sind, ist es unsere Schuldigkeit, ihn wieder zu lieben. Wir dürfen nicht undankbar sein.

Habe das gestern gemachte Bild wieder übermalt. Es ist zum Teufel holen. Die Graphik von gestern ist ganz gut, die lasse ich. Habe heute noch eine Graphik gemacht (ich mache sie alle in der Grösse 50 x 70 cm). Eben hörte ich Musik von Hindemith: Marienleben  Worte von Rilke. Die Musik ist ein vollkommener Scheissdreck. Bevor die Musik begann, wurde eine Tagebucheintragung von Hindemith verlesen. Darin schreibt er über die 1. Aufführung des  Marienlebens. Der Erfolg des Stückes und der Beifall, den es fand, zeigt ihm die grosse Verantwortung, die der Musiker habe und er wolle sein Schaffen in diese Hinrichtung weitertreiben (Dieses Schwein!), vermutlich, um noch mehr Idioten mit seinem Schleim zu befriedigen.

Hiernach hat er das Stück für grosses Orchester umgeschrieben, alles nur aus Verantwortung! Habe mich oben verschrieben, ich meinte Richtung, nicht Hinrichtung, doch dies passt ohnehin besser für ihn. Jetzt höre ich gerade die 6. von Bruckner: Das ist ein anderer Bursche. 

Ich möchte in der Malerei dasselbe wie in der Plastik herauskriegen. Es gelingt nur schwer. Einerseits will ich Dynamik, eine starke rhythmische Bewegung, ich verwechsle sie manchmal mit dem Wild-Hineinschlagen, dann die vollkommmene Bearbeitung der Fläche, die totale Zerstörung des Pinselstriches mit der Farbe. Diese zweite Tendenz neigt zum Statischen, Monochromen, Amorphen. Zwischen beiden Tendenzen habe ich noch keinen Ausgleich gefunden. Aber ich werde noch hinkommen. Werde jetzt essen, es ist schon mittags, habe mir gestern ein Wurzelfleisch gemacht.

War nachmittags im Keller.

Hier meine neue Plastik im Keller, sie geht über einige Meter. Im Vordergrund siehst Du einen Stahlhelm liegen, den ich etwas angetepscht habe. Die Plastik heisst: Ich hatt' einen Kameraden. Ich weiss nicht, was das ist. Beim Arbeiten an den Plastiken bin ich viel lockerer, beim Malen viel verkrampfter. Bin noch nicht auf der richtigen Spur.

Otto Muehl – Briefe an Erika 1960 – 1970

Die Dynamik des Striches – das Spontane


Otto Muehl, Briefe an Erika, 26.3.62, 27.3.61, Seite 1
Otto Muehl, Briefe an Erika, 26.3.62, 27.3.62, Seite 2

Montag, 26. 3. 62

Habe gestern den ganzen Tag bis spät in die Nacht gearbeitet. Zum Schluss gelang mir überhaupt nichts mehr, war geradezu verzweifelt. Habe heute wieder gearbeitet, nun funktioniert die Sache wieder. Zum Schluss wusste ich gar nicht mehr, was ich machen sollte. Alles war leer. Es fehlte der Antrieb, aber auch die Idee, vor allem die Idee. Die Idee ist eine wichtige Sache, entweder kommt sie während der Arbeit, nachdem man ins Luftblaue begonnen hat, oder man hat sie von vornherein. Ich meine damit aber nicht, dass sie sklavisch beibehalten wird. Sagen wir, der grobe Nenner ist bekannt. Ich muss schon am Anfang wissen, ob ich statisch oder dynamisch arbeite, ich bin für's Dynamische.

Ob ich mit geraden, eckigen Formen  oder mit wilden Kurven arbeite, ich bin für die Kurven, ob ich rein graphisch nur vom Strich  ausgehe oder ob ich auch Malerisches miteinbeziehe, ich bin auch für die Einbeziehung des Malerischen, ob ich überlegend, langsam male oder spontan ins Zeug gehe, ich bin fürs Spontane, Impulsive. Da hast Du mein malerisches Glaubensbekenntnis.

Beim Arbeiten habe ich plastische Vorstellungen, zum Beispiel einen dicken Balken, an den ich Draht hänge. Der Balken ist eine dicke Linie, der Draht feines Gekritzel. Dann gibt es Räder, die ich demoliere = deformierte Kreise, da gibt es Speichen, die abspringen unter Hammerschlägen, brechen, absplittern, sich sträuben, verknäulen usw.

Otto Muehl – Briefe an Erika 1960 – 1970

Die elementaren Mittel der Malerei


Otto Muehl, Briefe an Erika, 26.3.62, 27.3.62, Seite 2
Otto Muehl, Briefe an Erika, 26.3.62, 27.3.63, Seite 3

Dienstag, 27. 3. 62

Du siehst aus meinem gestrigen Schreiben, ich bringe in die Malerei eine Art Realität hinein. Die steckt ja schliesslich in jeder Malerei, deutlicher oder undeutlicher. Der Künstler hat sich schon immer der Realität bedient, um mit ihr nicht die Realität, sondern ganz etwas anderes auszudrücken.

Man  denke an Van Gogh oder an die Künstler des Mittelalters. Es ging nicht darum, Figuren darzustellen, sie waren Symbol für eine geistige Sicht des Menschen. Heute benützt man nicht mehr das Erscheinungsbild des Menschen, die Landschaft, oder andere Gegenstände, sondern eher deren Strukturen. Es kann zum Beispiel  die zerklüftete Rinde eines Baumstammes, wucherndes Gras, die Bewegung des Wassers bei Sturm, das Geäder in der Mauer oder auch das Ergebnis des Verfalles, das wir in der Natur überall sehen, Ausgang, Anregung für die Gestaltung sein. Dies wäre sozusagen der optische Anteil des Bildes.

Die Mittel für diese Darstellung sind die Linie, der Punkt, die Fläche in ihren verschiedenen Erscheingsformen (weich, malerisch verschwimmend, hart, eckig, rund, zerfranst, ausgelaugt).

Ich habe hier verschiedene Erscheinungsformen des Mittels aufgezeichnet. Du siehst, das hat bereits ein Kandinsky geleistet. Die Formen in diesem Bild sind nicht frei von gegenständlichen Assoziationen, obgleich ich dies nicht beabsichtigte, diese Formen erinnern  an primitive Lebewesen, Algen, Mikroben, Einzeller usw. Mir geht es nun darum, die Bedeutungsträchtigkeit der Mittel für die Gestaltung zu benützen. Ich will schäumendes, tobendes Wasser darstellen, aber nicht, indem ich abbilde, sondern die Mittel auf dem Bild toben, schäumen, stürzen, peitschen, fluten, kochen, springen lasse und meine damit mehr als unruhiges Wasser, das Ergebnis ist vieldeutig, nicht in Worte zu kleiden, das kann viel bedeuten: Leidenschaft, Revolution, Untergang, Katastrophe, Chaos, Jüngstes Gericht, Wut. Also nochmals kurz gesagt: Zwei Pole sind vorhanden.

Der Künstler bedient sich durch die künstlerischen Mittel der optischen Erscheinungsformen unserer Welt (er verwertet alles Sichtbare), um unbewusste Inhalte in  ihm auszudrücken.

Somit sehe ich zum Beispiel auch meine Plastiken sehr gegenständlich. Ich betreibe eine Katastrophenkunst, ich stelle das Demolierte, das Verfallene, Niedergeschlagene, Zerschossene, Explodierte, Vernichtete, Verwüstete, Aus- den- Fugen- Geratene dar. Ich verarbeite darinnen vermutlich die Erlebnisse des Krieges. Wenn man meine Kunst unbedingt positiv sehen will, so könnte man sagen: Ich warne vor dem Abgrund, der uns allen droht.

Bin eben über zwei vortags gemalte Bilder gegangen. Sie sind nun fertig. Finde mich immer mehr, werde freier. Das kostet einen Kampf. Habe die Bilder mit Synmalon  gemalt. Aquarelle oder Tuschezeichnungen, also alles Flüssige gelingt mir nicht. Werde aber auch das noch angehen. Möchte mich in allen Medien ausdrücken, das müsste doch gehen, sobald ich meinen Mittelpunkt in der Hand habe.

Nun liebes Medi, schicke ich den Brief ab, damit Du was zum Lesi

hast. Tu mir bald schreibi. Tu Dich fest drucki.

Dein Otto

und viele Bussi.

Am besten ist es, wenn man beim Arbeiten nicht denken braucht, wenn man ganz drinnen ist und alles ganz selbstverständlich ist. Dann braucht man auch keine Theorien. So ist es mir bei den letzten Bildern ergangen.

Otto Muehl – Briefe an Erika 1960 – 1970

Entstehung einer Gerümpelskulptur – ein Theaterstück


Otto Muehl, Briefe an Erika, 13. Jan 1963, Seite 1
Otto Muehl, Briefe an Erika, 13. Jan 1963, Seite 3

13. 1. 63

Liebes Samty

Dein Briafi hot mi sehr traurig g'macht. Weil ich nicht bei Dir sein kann. Du host so liab gschriebi, dass ich am liebsten gleich Dir nachgefahren wäre.

Habe die letzten Tage drei Bilder gemacht, die sich gewaschen haben. Mit dem Zeichnen und normalen Malen höre ich nun auf, ich habe das Gefühl, was ich da leiste, ist doch nur alter Kas. Das 1. Bild, das ich machte, machte ich mit einem grossen Fetzen (Molino). Zuerst wollte ich darauf an der Wand malen, schliesslich riss ich es herunter, zerbeulte und zerknüllte es,und legte es auf eine Holzfaserplatte. Nun schaut das Ganze wie eine Gedärmverwicklung aus.

Das ist das gewesene Bild. Das zweite Bild ist noch wilder. Darinnen befinden sich: Ein Fetzen, eine ganze Bierflasche (aufgestellt), zwei Sardinendosen, eine Streichholzschachtel, ein Tintenglas, ein Deckel von einer Dose, ein Stück Brot, Asche und Zigarettenstummeln von der vergangenen Woche. Als Bindemittel nahm ich Sand, Kalk, Gips und Dispersion. Die Bierflasche klebte ich mit Dispersion an. Das 3. Bild besteht aus (es schaut wie ein Abfallhaufen aus) Fetzen, meinen  alten Filzpatschen, Papier, Nylonsackerln und sonstigem Unflat.

Diese 3 Bilder sind wieder auf der Höhe der Spiegel und der Blutorgelplastik. Ich muss einsehen, für mich gibt es mehr kein zurück. Mit dem Zeichnen und dem Bildermachen ist es endgültig aus. Ich kann, wenn ich zeichne, höchstens einen einzigen Strich oder einen Punkt machen, oder, wenn ich male, einmal hinhauen und fertig. Mir gibt dies jedoch zu wenig.

Als nächstes plane ich Bilder, auf die ich alle meine Maldosen und Häfen picke. Das wird so aussehen.

Dann ein Bild mit lauter Flaschen oder mit Büchern: Goethe, Grillparzer, Schiller. Ich könnte ein Bild nennen: Goethes Gesammelte Werke.

Ich werde eine Plastik machen, die ausser Blech und Schrott hauptsächlich aus lauter Flaschen besteht.

Ich merke, ich kann nur dann eine gute Sache machen, wenn sie zur Wirklichkeit einen Bezug hat. Was jeder Einzelne als Wirklichkeit betrachtet, ist verschieden. Jeder muss seinen Bezug zur Wirklichkeit finden. In früheren Zeiten nahm man den Menschen, die Landschaft als Wirklichkeit, indem man sie  abmalte. Mein Wirklichkeitsbezug ist anderer Art.

Eben habe ich an einem Theaterstück geschrieben. Das Stück beginnt mit Musik, mehrere Tonbänder spielen verschiedene Dinge durcheinander.

Zwei oder drei Filmapparate projizieren 3 Filme übereinander.

Nun werden die Schauspieler hereingetragen. Sobald einer abgestellt ist, beginnt er zu sprechen, ununterbrochen  wie ein Automat.

1. Schauspieler: Die Tuchent

Er sieht so aus. Er hat zwei Tuchenten umgebunden.

Er spricht über das Schlafen, Schnarchen, Träumen  usw.

2. Der Tisch:

Er spricht über das Essen, Trinken, über das Auf-den-Tisch-schlagen. Tischgebete: Komm,  Herr Jesus, sei unser Gast usw.

3. Das Buch:

spricht über den Buchhandel usw.

4. Die Flasche spricht über das Saufen.

5. Der Kasten spricht über Kleider, Mottenpulver.

6. Die Uhr sagt immer tick-tack.

Alle sprechen durcheinander.

Sobald die Schauspieler hereingetragen werden, hört Musik und Film auf. Zum Schluss jedoch geht alles durcheinander: Sprechen, Musik, Film.

Habe eine tolle Idee für Bilder.

Werde mir aus Glas eine Schachtel bauen. Werde sie aus Fensterglas zusammenpicken mit einem Glaskleber.

Dann kaufe ich mir Gedärme, verschiedene Innereien. Dies geb' ich gemischt mit anderen Gegenständen in den Glasbehälter, natürlich ziemlich durcheinander gewirbelt, und dann schliesse ich den Behälter zu (luftdicht). Das Bild wird dann ausgestellt. Was sagst Du dazu?

Weiters möcht' ich ein Bild mit  vielen Uhren machen, dazwischen Zement und Gerümpel.

Ich werde in ein bekanntes Uhrengeschäft gehen und dort meine Idee erzählen. Bei der Ausstellung würde ich den Namen des Geschäftes nennen, das wäre eine Reklame für das Geschäft.

Die eingebauten Uhren im Bild würden verschiedene Zeiten angeben und in der Ausstellung würde alle 5 oder 10 Minuten eine Uhr läuten oder alle gleichzeitig auf einmal.

Du siehst, bei mir hat bereits der Frühling begonnen. Übrigens die Uhrenidee ist eine ähnliche wie die Spiegelidee.

Otto Muehl, Briefe an Erika, 13. Jan 1963, Seite 4
Otto Muehl, Briefe an Erika, 13. Jan 1963, Seite 5
Otto Muehl, Briefe an Erika, 13. Jan 1963, Seite 6
Otto Muehl, Briefe an Erika, 13. Jan 1963, Seite 7