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HAI MANIFEST

otto muehl



das weltbild ist das zum bild gestaltete objekt.

weißer hai: steckbrief: 7 meter lang [1], zähne scharf wie messer, maul wie ein scheunentor, äußerst aggressives raubtier, biologische freßmaschine, immer hungrig, immer geil.

er gehorcht seine organen.

töten, fressen und rammeln sind seine lieblingsbeschäftigungen.

der unersättliche magen macht ihn zum mörder.

hat er nicht gerade gefressen, ist die begegnung mit ihm tödlich.

um nicht im sexualakt in stücke gerissen zu werden, ließ sich die haiin eine dicke hornhaut wachsen.

der haifisch ein evolutionärer volltreffer, ein gruß aus der urzeit.

der hai ist nicht geber, er ist nur nehmer.

er entzieht sich jeder moralischen beurteilung.

er ist unschuldig.

die gewalt seiner körperlichen erscheinung ruft bestürzung hervor.  

die knochen splittern, wenn er zubeißt.

der mensch ist das einzige tier, das dem haifisch zwar nicht körperlich, aber durch seinen lexikalischen adapter weit überlegen ist.

er opferte dem neo cortex das beim tier sehr ausgeprägte riech-organ.

ein hund ist in der riechleistung dem menschen sehr überlegen.

das menschliche hirn speichert gesehenes, gehörtes, gedachtes, gefühltes, geträumtes, erlebtes und es kann dadurch erinnert werden.

der mensch kann denken, sprechen, schreiben, malen, tanzen, singen, komponieren, erfinden.

der mensch ist die geniale evolutionäre kreativ-bombe.

tiere leben in einer angeborenen wirklichkeit.

der mensch produziert viele wirklichkeiten:

religion, philosophie, ideologie, theorie, bildende und darstellende künste, psychologie, pädagogik, soziologie, politik, anarchie, demokratie....

der mensch erträgt schwer, daß er nicht alles durchschaut.

er musste erfahren: "gott läßt sich nicht in die karten blicken"

daraus ergeben sich auch seine komplikationen.

die einrichtungen der gesellschaft sprechen eine deutliche sprache:

irrenanstalten, gefängnisse, schulen, universitäten, berufe wie finanzbeamte, richter, rechtsanwälte, henker, häscher; aggressive auseinandersetzungen zwischen einzelnen menschen, zwischen nationen, kriege mit millionen toten.

ein sprichwort sagt: der mensch ist des menschen wolf.

ein organ außerhalb seines körpers hat sein denken verseucht: der staat.

falsches denken wird bestraft.

eine ideologie hält die menschheit zusammen, es ist das geld.

die versuchung ist groß, sich für geld freiwillig versklaven zu lassen.

wer geld hat, es muß mehr sein als er braucht, hat sich männlichkeit und potenz gekauft, als ersatz für fehlende sexuelle und kreative potenz, für fehlende soziale und genitale identität.

"das ist etwas für arbeiter, proleten oder noch weiter für neger, die im slum sitzen," sagte emil, ein bankbeamter. sein großvater war zwar auch prolet, schiffskoch bei der donau dampfschifffahrtsgesellschaft.

er lebte jetzt das geruhsame leben der pension. schisko kochte sich montags das gulasch und fraß davon die ganze woche, seine lieblingspeise. wie die spanier flamenco tanzen, wie die südamerikaner den reisserischen tango aufs parkett schreiben. ununterbrochen frisst der österreicher sei gulasch.  

da war die kleine ilse, die hatte mit 19 jahren einen älteren mann, den ihr der vater ausgesucht hat. er nahm ihn gleich aus der sparkasse mit, einer, mit dem er schon jahrelang zusammengearbeitet hatte, gustav menschewik. 

der sparkassa- beamte fragte taktvoll seine frau. "ist er a bähm!"

sie meinte "na, net vielleicht!".

sparkasse beamte: "ist er gar a jud"

"red nicht so blöd herum, wir sind erst 3 tage verheiratet, du kannst es dir nicht schon am dritten tag verderben."

der vater war aufgeklärter sozialdemokrat.

Na gut, lassen wir die geschichte, sie soll den leser ein bißchen erfrischen.

ich finde, diese gewalttätige fleischmaschine abscheulich, muß aber ihre mächtigkeit und eleganz anerkennen.

es gibt auch in der wirklichkeit haie: der kredithai, der immobilien hai.

trotzdem bin ich erstaunt über dieses geniale tier, das morgens mit einer aktentasche in der hand richtung bank geschäftig ins auto steigt.

es ist der bankbeamte demoliz friedrich, eigentlich ein sehr feines männchen, aber alle verhalten sich ihm gegenüber so, als ob er ein großer king wäre, oder ein boxer, der schon die ganze hai-welt durch seine schläge begeisterte oder, falls sie ihm entgegentraten, auf die bretter legte.

der hai verwandelte sich unter meinen händen zum flugapparat, vogel, vogelmensch, saurier. 

In einem meiner bilder verfolgt der hai im tiefflug, hände mit krallen ausgestreckt, einen menschen.

der hai faszinierte mich, nicht nur wegen seiner gewalt, wegen der angst, die er unter den menschen verbreitet, mich interessierte bald, als ich bemerkte, daß mir der ausdruck, den ich innerlich spürte, nicht realisieren konnte, weil ich angst hatte, die naturform aufzugeben.

Ich wurde allmählich fasziniert von der einfachheit und auch der ausdruckskraft des körpers.

für die bildende kunst ist die einfache form des haies ein ausgezeichnetes formales forschungsobjekt.

die stromlinienform des haies ähnelt unseren flugzeugen, wirkt wie im windkanal entworfen.

der anfänger hat schwierigkeiten, sich von der ausdrucksstarken naturform des haies zu lösen.

die geometrie ist die grundlage der morphologischen gestaltung.

das mit hilfe der geometrie gestaltete objekt ist das weltbild.

cezanne sagt: das bild ist form parallel zur natur.

der hai ist von der form her gesehen  eine sehr einfache gestalt: er hat weder füsse noch flügel.

die fortbewegung des haies geschieht durch die kontraktion gewaltiger muskelpakete, durch zusammenziehen und strecken.

ich versuche, die fortbewegung des haies durch radikale geometrisierung sichtbar zu machen,  wobei die geometrische darstellung des fortbewegungsmusters des haies gleichzeitig die fläche gliedert und rhythmisiert.

er windet sich durchs wasser wie die fahne im wind.

bei schnellerem tempo kommt der hai im wasser durch die fast zitternden bewegungen zu einem oszillierenden flattern, er scheint es zu geniessen.

ich war einmal im artclub und sah, wie eine tänzerin  ähnliche bewegungen mit dem körperteil unter dem nabel machte, d.h. sie wackelte mit ihrem arsch.

in der ecke des clubs sah ich einen mann, der  sich einen runterholte.  

dabei ist zu bemerkten, daß die mitte des haies sich nicht bewegt, sie ist achse der bewegungen.

durch meine art der geometrisierung, wo das rechteck dominiert, werden die bewegungen eckig dargestellt.

ich geile mich rücksichtlos an der geometrie auf. es ist ein genuß, diese abkürzungen ohne gnade hinzuschleudern.

unlängst machte ich eine art von schnittmuster von einem hai, das heißt, jeder strich, auch den man nicht sieht, weil er einfach verdeckt ist, jeder konstruktionsstrich ist erhalten geblieben.

die mitglieder der baby jazz band schwärmten am meisten von dem bild mit dem namen MONDRIAT.

ein anderes bild gefällt mir auch sehr:

als ich ein bild im querformat wiederholen wollte mit anderen farben und es irrtümlicherweise im hochformat auftrug, merkte ich zu spät, als das bild schon fast fertig war, alles war zu eng.

aber am nächsten morgen betrachtete ich das bild: "warum eigentlich nicht hochformat!"

dadurch werden im bild die figuren und objekte zusammengedrückt.

ebenso gibt es ein foto im electric painting filme "bagdad tales", wo vio, die in der badewanne liegt, in die breite gezogen wurde, um ins computer format zu passen.

der zufall, der von vielen maler gehasst wird, ist mir immer willkommen, zunächst glaubt man, man hätte das bild geschädigt, sozusagen verpatzt, aber wenn man der sache nachgeht, stellt sich immer heraus, daß die entwicklung nicht nur nicht gebremst wird, sondern meistens ein ganz neuer weg sich auftut.

als ich zum ersten mal die bewegung des haies, die auf dem naturfoto sich in sanften kurven zeigt, brutal mit der geometrie niedermachte, bekam ich ein unangenehmes gefühl, dass es ein blödsinn ist, was ich da mache.

das gegenteil war der fall.

begeisterung, grauen, gemischt mit erstaunen vor der formalen klarheit, der eleganz und der kraft der bewegung seines körpers erfüllte mich, als ich diese primitive, gewalttätige fleischmaschine, dieses denkmal aus der urzeit in einem zustand von trance und ekstase auf der bildfläche niedernagelte.

Das war jetzt etwas schwülstig, aber es zeigt damit die gründe, warum ich schon 3 jahren an diesem thema hängen geblieben bin, und es ist noch lange kein ende abzusehen.

es ist erstaunlich, daß der hai weder gefängnisse noch irrenanstalten, keine polizei, keine richter, keine beamten, keinen staat braucht.

er ist frei.

ob es nicht auch für den menschen zu verwirklichen wäre, ohne gleich ein hai werden zu müssen ?


ella fitzgerald:

"und der haifisch, der hat zähne

und die trägt er im gesicht.

mecki hat ein messer,

doch das messer sieht man nicht..."


zitate aus dem buch killerhaie von mac mc diarmid im GONDROM verlag:


der mensch ist für den weißen hai nichts anderes als eine beute.

der weisse hai teilt viele  merkmale mit dem chassis vieler rennwagen und besitzt alles,was zum prototyp des schnellen hai gehört.

querschnitt des vorder- und hinterkörpers sind wie eine abgeflachte ellipse.

bei der fortbewegung bleibt der mittlere teil beinahe unbeweglich.

er wird zum schwerpunkt für alle kräfte, die am vortrieb beteiligt sind.

die schwanzflosse oszilliert.

der vorfahre des weissen hai war bis zu 12 meter lang, hatte eine 4 meter hohe schwanzflosse und wog 12 bis 14 tonnen.

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  • [1] in einem anderen buch wird 12 meter als die größt-länge des haies aufgezeichnet.

© archives otto muehl




  • aus dem ausstellungskatalog


  • otto muehl – sharkotto muehl
    shark
    danièle roussel
    archives otto muehl paris 2003